Erinnerungen an Tschernobyl
Leserbrief „Merkel verteidigt Verfahren bei Atomgesetz“ DK vom 03.11.2010
In den 90er Jahren habe ich im Auftrag eines Bildungs- und Eingliederungsunternehmens in München 52 „Tschernobyl-Ingenieure“ und deren Familien beraten und betreut - mehrsprachige, hoch gebildete und bescheidene Menschen, die im Rahmen interstaatlicher Kontingentregelungen in den Westen ausreisen und hier sich in spezialärztliche Behandlung begeben durften. Die dabei entstandene Dokumentation durfte nicht veröffentlicht werden. (Übrigens scheinen Frauen Strahlenbelastungen besser verkraften zu können als Männer – so mein damaliger Eindruck). Als Erinnerungsstück habe ich irgendwo noch ein kleines, rotes Strahlenmessgerät, das man mir als Andenken für meine Arbeit geschenkt hatte und das während eines Sonntagspaziergangs einer Familie in den Wäldern nahe der Stadt Prypjat 1986 erschreckende Piepsdienste leistete. Wie bei allem, was Menschen bewegt, ist es so, dass Begegnungen dann unauflösliche Eindrücke hinterlassen, wenn man mit Betroffenen spricht anstatt über Betroffene. Das gilt wohl auch bei der so genannten Integrationsproblematik. Wenn man Familien kennt, die atomare Strahlung erlebt und überlebt haben, kann man nicht mehr für Atomkraft sein. Sollte der eine oder andere „Ehemalige“ diese Zeilen lesen, würde ich mich freuen, wenn nach so vielen Jahren wieder mal ein Treffen stattfinden könnte. Ich bin sicher, dass diese Familien in ihrem grenzenlosen Optimismus und mit faszinierender Lern- und Anpassungsfähigkeit sich trotz folgenschwerem Tschernobyl-Opfer in unserer Gesellschaft gut eingelebt haben.
Rolf Kaufmann
